Die mittelständischen Familienunternehmen und deren wirtschaftliche Bedeutung für die Beschäftigten in Deutschland, Österreich und der Schweiz

Familienunternehmer führen und kontrollieren meistens ihr Unternehmen selbst und sind zugleich deren Eigentümer. Diese Einheit von Unternehmensführung und Unternehmensbesitz in einer Hand wird deutlich in ihrer unternehmerisch engagierten Persönlichkeit, in ihrer engen Bindung an ihr Unternehmen, in ihrem hohen Verantwortungsgefühl für dessen Existenz und Entwicklung, in ihrer Sorge um ihr Vermögen. Kriterien, die zwangsläufig andere, oft auch schnellere Entscheidungen ermöglichen als die angestellter Unternehmer wie Geschäftsführer mittelständischer oder Vorstände börsennotierter Unternehmen, deren Eigentümer Unternehmerfamilien oder anonyme Aktionäre sind.

Als Mittelstand gelten die kleinen und mittelgroßen Unternehmen, jedoch nicht die vielen kleinsten, die auch zu den KMU gehören, und nicht die großen, von denen mache in ihren Branchen Weltmarktführer sind. Die wirtschaftliche Bedeutung der mittelständischen Familienunternehmen in Deutschland, Österreich und der Schweiz lässt sich zumindest an fünf Kriterien ermessen:

  • an der Anzahl der Unternehmen, insbesondere der Familienunternehmen in diesen Ländern,
  • an der Anzahl der von diesen beschäftigten sozialversicherungspflichtigen Mitarbeiter/innen,
  • an der Höhe der Jahresumsätze der kleinen und mittelgroßen Familienunternehmen,
  • an deren wirtschaftlich steigender, stagnierender oder sinkender Entwicklung,
  • an der steigenden, stagnierenden oder schrumpfenden Marktentwicklung deren Branchen,

oft bedingt durch die Entstehung neuer, innovativer Märkte aufgrund des digitalen Wandels.

Diese Kriterien werden von den Statistischen Ämtern in Deutschland, Österreich und in der Schweiz konkret erfasst. Die Quellen dieser Daten sind:

  • das Unternehmensregister[1] für die Anzahl der aller Unternehmen,
  • die Lohnsteuerstatistik[2] für die Anzahl der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten,
  • die Umsatzsteuerstatistik[3] für die Höhe der Jahresumsätze,
  • die Entwicklung der Unternehmen durch Vergleich dieser Daten über mindestens drei, besser fünf oder mehr Jahre,
  • die Entwicklung der Branchen  durch Vergleich der kumulierten Branchenumsätze über eine Reihe von Jahren.

Die Beobachtung der Branchenentwicklung ist wichtig, denn bei allem unternehmerischen Engagement sowie zielorientiertem und wirtschaftlichem Handeln der Familienunternehmer ist es für deren Zukunft sehr entscheidend, ob ihr Markt wächst, stagniert oder schrumpft; ob Produkte und Dienstleistung die Bedürfnisse der Anwender, Verwender oder Verbraucher befriedigen oder ob deren Bedürfnisse bereits weitgehend gesättigt sind oder durch fehlende Innovationen unbefriedigt bleiben, so dass die Zielgruppen sich enttäuscht abwenden, um in anderen Marktsegmenten ihre Bedürfnisse zu befriedigen – und bei Zufriedenheit weiter dort kaufen.

Die nachfolgend analysierten Daten aus Deutschland, Österreich und der Schweiz sind weitgehend vergleichbar,
für Deutschland [4] und Österreich [5] aufgrund der Statistiken für 2012 bzw. für die Schweiz [6] aus dem Jahr 2010, dem Zeitpunkt der letzten statistischen Erfassung der Unternehmen in der Schweiz. Warum so weit zurückliegende Daten? Weil manche Statistiken aus den drei Ländern nicht immer zum gleichen Zeitpunkt zur Verfügung stehen. Die letzte Statistik entscheidet über die Möglichkeit eines Vergleichs.

Aber, wie viele der registrierten Firmen sind Familienunternehmen?

Für dieses wichtige Kriterium gibt es keine Statistiken.

Der Grund: Das wesentliche Kriterium eines Familienunternehmens ist die Einheit von Unternehmensführung und Unternehmenseigentum zumindest mehrheitlich in Familienhand. Das sind qualitative Merkmale, die statistisch nicht erfasst werden können. Deshalb hat das Institut für Mittelstandsforschung in Bonn (IfM) [7] den zu vermutenden Anteil der Familienunternehmen schätzen müssen und für Deutschland den Anteil der Familienunternehmen mit 95,3% errechnet. Da für Österreich und die Schweiz keine derartigen Schätzungen bekannt sind, wird für die weiteren Überlegungen vorläufig unterstellt, dort hätten die Familienbetriebe etwa den gleichen Anteil an allen Unternehmen (vgl. die Tabellen 1-3).

Klar ist, was Mittelstand ist

Vergewissern wir uns noch einmal: Die Europäische Kommission [8] hat zum 1.1.2003 Obergrenzen für die Anzahl der Beschäftigten und die Höhe der Jahresumsätze festgelegt, nach denen kleinste, kleine, mittelgroße oder große Unternehmen kategorisiert werden:

Tabelle1

kleinste Unternehmen[9] [10]  | mittelgroße Unternehmen[11]

Aufgrund der seit 2006 trotz Banken- und Wirtschaftskrise gewachsenen Wirtschaftsbetrieben hat das IfM Bonn neue Obergrenzen vorgeschlagen: für die kleinsten Betriebe Jahresumsätze nur bis zu 1 anstatt 2 Mill. € und für die mittelgroßen eine Erweiterung der Spanne der sozialversicherungs-pflichtigen Beschäftigten auf 50 – 500 anstatt nur 50 – 250.

Wichtig: Als Mittelstand gelten nur die kleinen und mittelgroßen Betriebe, nicht die Millionen Kleinstunternehmen und auch nicht die wenigen Tausend großen, meistens börsennotierten Unternehmen; obwohl es auch einige bekannte große Familienunternehmen gibt wie die Dr. August Oetker KG hinter der sogen. Oetker Gruppe oder das größte deutsche Familienunternehmen, zugleich der weltgrößte Automobilanbieter, die Volkswagen Aktiengesellschaft.

Jedoch, was sind Familienunternehmen?

Das IfM Bonn definiert Familienunternehmen [12] als diejenigen, „bei denen die Eigentums- und Leitungsrechte in der Person des Unternehmers oder der Unternehmerin bzw. deren Familie vereint sind“ (…) und klassifiziert als Familienunternehmen solche, „bei denen

  • bis zu zwei natürliche Personen oder ihre Familienangehörigen mindestens 50% der Anteile eines Unternehmens halten und
  • diese natürlichen Personen der Geschäftsführung angehören“.

Das IfM Bonn argumentiert weiter: „Die Schnittmenge von Familienunternehmen und allen kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) ist naturgemäß sehr groß. (…) Die Begriffe Familienunternehmen, Eigentümerunternehmen und familiengeführte Unternehmen sind daher als Synonyme anzusehen.“

Das IfM Bonn hat unter Hinweis auf die KMU [13] vorgeschlagen, „wegen der hohen Schnittmenge von Familienunternehmen und kleinen und mittleren Unternehmen ( KMU [14] ) auch die Begriffe „Familienunternehmen“ und "Mittelstand" als Synonyme zu betrachten. Richtig ist, dass die kleinen und mittleren Unternehmensgrößen den unternehmerischen Mittelstand bilden. Aber der Hinweis auf den Begriff „KMU“ kann missverstanden werden, denn er umfasst nicht nur die kleinen und mittelgroßen Unternehmen, also den Mittelstand, sondern auch die Kleinstunternehmen. Und die dominieren anzahlmäßig, auch wenn einzelne hinsichtlich der Anzahl der Beschäftigten und Höhe der Jahresumsätze wirtschaftlich wenig bedeutend sind. In Deutschland haben die Kleinstunternehmen anzahlmäßig einen Anteil von 88,8%, in Österreich und der Schweiz einen Anteil von jeweils 87,1%.

Wie viele der mittelständischen Betriebe sind auch Familienunternehmen?

Im Jahr 2012, das hier betrachtet wird, waren insgesamt 3.663.432 Unternehmen in Deutschland registriert, 314.855 in Österreich, dessen Landfläche rund 10-mal kleiner als die Deutschlands ist, sowie 2010 fast genauso viele in der Schweiz, nämlich 312.861,obwohl deren Landfläche nur etwa halb so groß wie die Österreichs ist. Hinzu kommt, Österreich und die Schweiz sind Alpenländer, in denen größere Unternehmen sich wegen der benötigten Grundflächen und der Anbindung an die Infrastruktur nur in den flacheren nördlichen Regionen und den Alpentälern niederlassen können.

Nach letzten Schätzungen des Instituts für Mittelstandsforschung Bonn (IfM) auf der Basis von Datenbankrecherchen im Jahr 2006 wurden 95,3% aller Unternehmen in Deutschland[15] als Familienunternehmen kategorisiert. Das waren 3.491.250 der für das Jahr 2012 im deutschen Unternehmensregister erfassten 3.663.432 kleinsten, kleinen, mittleren und großen Betriebe. Für Österreich und die Schweiz sind mir vergleichbare Schätzungen nicht bekannt. Deshalb wird vorläufig angenommen, dass vermutlich in jenen Ländern etwa gleiche Relationen realistisch sein könnten.

Wenn die Schätzung des IfM Bonn aus dem Jahr 2006 im Jahr 2012 wenigstens tendenziell noch zutreffend sein sollte, dass die Familienunternehmen beispielsweise in Deutschland einen Anteil von 95,3 Prozent aller Unternehmen haben und die Verhältnisse in Österreich und der Schweiz als weitgehend ähnlich unterstellt werden, dann ist die Anzahl der Familienunternehmen und die Anzahl deren sozialversicherungspflichtige Beschäftigte anzunehmen mit …

  • in Deutschland  mit ca. 3.491.250 Familienunternehmen mit ca. 25.642.190 Beschäftigten,
  • in Österreich mit ca.    299.761 Familienunternehmen mit ca.   2.664.220 Beschäftigten,
  • in der Schweiz  mit ca.    297.442 Familienunternehmen mit ca.   3.329.850 Beschäftigten.

Davon wären nach Schätzung des IfM Bonn 95,3% mittelständische Familienunternehmen …

  • in Deutschland etwa 304.840 mittelständische Familienunternehmen mit 15.221.530 Beschäftigten,
  • in Österreich    etwa   31.080 mittelständische Familienunternehmen mit   1.132.290 Beschäftigten,
  • in der Schweiz etwa   30.540 mittelständische Familienunternehmen mit   1.388.550 Beschäftigten

(vgl. Tabellen 1-3)

95,3% Familienunternehmen ist nur ein Durchschnitt über alle Unternehmensgrößen

Der Anteil der Familienunternehmen ist abhängig von der Größenklasse des Betriebs. Im Vergleich mit dem durchschnittlichen Anteil von 95,3% Familienunternehmen bezogen auf alle im Jahr 2012 in Deutschland registrierten Unternehmen, werden bei den kleinsten mehr, nämlich schätzungsweise rund 98% Familienunternehmen vermutet, bei den kleinen rund 79,9%, bei den mittelgroßen rund 70% und bei den großen deutlich weniger als 1% Familienunternehmen. Das ist plausibel.

Wenn beispielsweise von den 3.186.220 kleinsten Familienunternehmen wie freiberufliche Ärzte, Betriebsberater, Steuerberater, Rechtsanwälte, Notare, kleine Einzelhändler (sogenannte „Tante Emma Läden“), kleine Handwerker, Landwirte usw. zusammen 3.765.620 nur etwas mehr Mitarbeiter als die rund 3.186.220 Familienunternehmen, also durchschnittlich nur 1,6 Mitarbeiter beschäftigt werden, dann haben viele vielleicht gar keine, manche einen und wenige mehr als Mitarbeiter. Vermutlich gibt es auch einige Kleinstunternehmen (2%), die keine Familienunternehmen sind, sondern möglicherweise von größeren Betrieben ausgegliederte Start-ups (vgl. Tabelle 1).

Wenn von den rund 7.000 großen Unternehmen in Deutschland mit durchschnittlich mehr 35.000 Beschäftigten vermutlich mehr als 99% kein Familienunternehmen sind, dann ist auch das plausibel

Den unternehmerischen Mittelstand in Deutschland, Österreich und der Schweiz bilden nur die kleinen und mittelgroßen Unternehmen. Der Anteil des Mittelstands unter diesen ist…

Tabellen1a

Tabellen1b

Diese Daten liefern lediglich Richtwerte

Sie zeigen nur Tendenzen und Zusammenhänge. Denn, die Zuverlässigkeit der Zahlen kann aufgrund fehlender Statistiken über Familienunternehmen und keine erneuten Schätzungen zu deren Anteil an allen Unternehmen in Deutschland, Österreich und der Schweiz nicht überprüft werden. Es kann nicht nachgewiesen werden, …

  • ob die 2006 vom IfM Bonn geschätzten durchschnittlich 95,3% Familienunternehmen zutrafen, wenn er tatsächlich zutreffend war, im Jahr 2012 und heute, 2017, noch gleichermaßen gilt,
  • ob der 2006 vom IfM Bonn für Deutschland geschätzte durchschnittlich Anteil von 95,3% Familienunternehmen unter allen Unternehmen auch für Österreich und die Schweiz gilt,
  • ob die spekulativ vermuteten Anteile für kleinste (98,0%), kleine (79,9%), mittelgroße (70,0%) und große Familienunternehmen (< 1%) unter allen registrierten Unternehmen der drei Länder annähernd richtig angenommen wurden.

Abgesehen von diesen Unsicherheiten behalten die Daten jedoch ihre Funktion als Richtwerte zum Nachweis der wirtschaftlichen Bedeutung der mittelständischen Familienunternehmen als Arbeitgeber.

 


Über den Autor

drwettigblogbild100Dr. Herbert Wettig
Nachfolgeberater für Familienunternehmen,
Wirtschaftspsychologe und Wirtschaftsmediator für Gesellschafter- und Familienkonflikte
Webseite: www.unternehmensnachfolge-in-familienunternehmen.de


 

[1] Statistisches Bundesamt, D-65189 Wiesbaden, Gustv-Stresemann-Ring 11 - Unternehmensregister als Suche eingeben

[2] Statistisches Bundesamt, D-65189 Wiesbaden, Gustv-Stresemann-Ring 11 - Lohnsteuerstatistik als Suche eingeben

[3] Statistisches Bundesamt, D-65189 Wiesbaden, Gustv-Stresemann-Ring 11 - Umsatzsteuerstatistik als Suche eingeben

[4] Statistisches Bundesamt, D-65189 Wiesbaden, Gustv-Stresemann-Ring 11 ( https://www.destatis.de/DE/UeberUns/.html )

[5] Statistik Austria, Bundesanstalt Statistik Österreich, Guglgasse 13, A-1110 Wien ( https://www.statistik.at/web_de.html )

[6] Eidgenössisches Departement für Wirtschaft, Bildung und Forschung (WBF), Bundeshaus, CH-3003 Bern, Schweiz ( https://www.admin.ch/gov/de/start/departemente/departement-fuer-wirtschaft-bildung-forschung-wbf.html )

[7] Institut für Mittelstandsforschung Bonn, Maximilianstraße 20, D-53111 Bonn ( https://www.ifm-bonn.org/statistiken.de )

[8] Empfehlung der Europäischen Kommission Nr. 2003/361

[9] In der Schweiz werden die kleinsten Unternehmen als „Mikrounternehmen“ bezeichnet

[10] Das Institut für Mittelstandsforschung Bonn schlägt in Anpassung an die Verhältnisse in Deutschland als Obergrenze für die Jahresumsätze der kleinsten Unternehmen nur bis 1 Mill. € anstatt 2 Mill. € Jahresumsatz vor

[11] Das Institut für Mittelstandsforschung Bonn schlägt in Anpassung an die Verhältnisse in Deutschland als Obergrenze für die Jahresumsätze der mittelgroßen Unternehmen bis zu 500 Mill. € anstatt 250 Mill. € Jahresumsatz vor

[12] Haunschild, L.; Wolter, H.-J.: Volkswirtschaftliche Bedeutung von Familien- und Frauenunternehmen, in: Institut für Mittelstandsforschung Bonn (Hrsg.): IfM-Materialien Nr. 199, Bonn, 2010

[13] Benutzerleitfaden zur Definition von KMU – Europa EU (ec.europa.eu/DocsRoom/documents/15582/attachments/1/translations/de/...)

[14] Anmerkung zum Begriff KMU: Nach den Richtlinien der Europäischen Kommission gelten nicht nur kleine und mittlere Unternehmen als KMU, wie aufgrund der Buchstaben KMU oft irrtümlich angenommen wird, sondern kleinste (!), kleine und mittelgroße Unternehmen.

[15] Haunschild, L.; Wolter, H.-J.: Volkswirtschaftliche Bedeutung von Familien- und Frauenunternehmen, Institut für Mittelstandsforschung Bonn (Hrsg.), in: IfM-Materialien Nr. 199, Bonn, 2010

 

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