Generationswechsel. Übergabereife und -würdige Familienunternehmen

Die Frankfurter Allgemeine, eine sorgfältig recherchierende Zeitung, schrieb am 20. Februar 2017 unter der Rubrik Familienunternehmen: „Warum so viele Betriebe keinen Nachfolger finden“, dass der Generationswechsel oft scheitert, und zitiert aus den Ergebnissen einer aktuellen Studie, dass nur etwa 12% der Unternehmen die Weitergabe bis in die 3. Generation und nur etwa 1 % bis in die 5. Generation schaffen. Warum?

Weil oft die Gesellschafter oder die Familienmitglieder in der Unternehmensführung untereinander zerstritten sind, sich misstrauen, nur noch das Notwendigste miteinander reden. Wie sollen sie dann über die Regelung ihrer Nachfolge, über den Generationswechsel miteinander reden? Weil manche gar keine Nachkommen haben. Weil manchmal die in Wohlhabenheit aufgewachsenen Nachkommen trotz guter Ausbildung, trotz Studium nicht für die Führung des familieneigenen Unternehmens geeignet, nicht engagiert sind, nicht unternehmerisch denken und handeln, kurz: nicht fähig genug sind. Weil manche Unternehmer ihr Unternehmen, das bisher ihrem Leben Sinn und Struktur gegeben hat, nicht loslassen können, aus Furcht, den Sinn ihres Lebens zu verlieren und nicht zu wissen, was sie stattdessen tun könnten. Weil viele heutzutage ihr Unternehmen länger führen als frühere Generationen, ihre Nachkommen inzwischen außerhalb des Unternehmens eine eigene berufliche oder akademische Karriere gemacht haben, mit ihren Familien vielleicht weit weg vom Sitz des Unternehmens wohnen und die Unternehmensführung nicht übernehmen wollen. Weil Familienunternehmer an Ende ihrer unternehmerischen Tätigkeit zum ersten Mal vor dem Problem stehen, ihre Nachfolge regeln zu müssen, ihnen jedoch dafür trotz aller Erfahrungen das notwendige Wissen fehlt. So wenden sie sich an ihre Steuerberater, Rechtanwälte, Notare, an faktenorientierte Unternehmensberater. Doch betriebliche Fakten, steuerliche Optimierung sowie juristische Aspekte und die Vermeidung oder Lösung von menschlichen Konflikten schließen sich beinahe aus. Und, weil es immer schwieriger wird, geeignete und übernahmewillige Nachfolger zu finden sowie Gesellschafter- oder Familienkonflikte zu lösen, werden immer mehr Familienunternehmen verkauft, gehen in Konzernen auf, sterben aus Mangel an Innovationen und gehen in den sich wandelnden Märkten unter oder - werden schlicht aufgegeben, weil ertragsschwache Unternehmen mit mangelnden Innovation und möglichem Investitionsstau weder für ihre Nachkommen noch für mögliche Käufer interessant sind.

2012 waren im Unternehmensregister des Statistischen Bundesamts der Bundesrepublik Deutschland noch mehr als 3.663.000 Unternehmen registriert, davon geschätzt mehr als 96% Familienunternehmen. Seitdem ist die Zahl der Unternehmen trotz neu gegründeter Start-ups gesunken. Nach Schätzungen des Instituts für Mittelstandsforschung Bonn (IfM)[1] werden im aktuellen Zeitraum von 2014-2018 rund 135.000 Familienunternehmen reif zur Übergabe an die nächste Generation. Das sind über 22% mehr als noch im vorausgegangenen Zeitraum 2010-2014. Wie viele von diesen werden wirklich Nachfolger finden? Das hängt unter anderem davon ab, das die Familienunternehmen nicht nur reif zur Übergabe an die nächste Generation werden, sondern von den Nachkommen oder interessierten Käufern, die den Unternehmenskauf finanzieren können, auch als übernahmewürdig eingeschätzt werden.

Übergabereif[2] sind Familienunternehmen, wenn dessen Eigentümer bzw. Mitglieder der Eigentümerfamilie, die das Unternehmen maßgeblich führen oder zumindest kontrollieren, in den nächsten Jahren beispielsweise wegen hohen Alters aus der Unternehmensführung ausscheiden wollen oder durch Unfall, chronische Erkrankungen, Herzinfarkt oder Schlaganfall überraschend ausfallen. Nach Untersuchungen des IfM Bonn ist das Alter mit 86% der häufigste Anlass, den Betrieb der nächsten Generation zu übergeben. In ca. 10% der Fälle wird die Regelung der Nachfolge wegen überraschendem Tod des Unternehmers, in 4% der Fälle wegen dessen dauernder Arbeitsunfähigkeit, beispielsweise aufgrund eines Unfalls erzwungen.

Übergabewürdig ist ein Familienunternehmen jedoch nur, wenn es den übernahmebereiten Nachfolgern oder Kaufinteressenten bessere Ertragsaussichten bietet, d.h. mehr Gewinn erwarten lässt als das Einkommen aus einer unselbständigen (Führungs-)Tätigkeit und eine bessere Verzinsung des eingesetzten Kapitals als im Kapitalmarkt. Übergabewürdig sind Familienunternehmen also nur, wenn sie wirtschaftlich attraktiv genug sind, übernommen oder gekauft zu werden, und wenn die Branche und die Führung des Unternehmens in dieser Branche für den Nachfolger oder Kaufinteressenten eine wirklich engagierende Aufgabe ist.

 

Über den Autor

drwettigblogbild100Dr. Herbert Wettig
Nachfolgeberater für Familienunternehmen,
Wirtschaftspsychologe und Wirtschaftsmediator für Gesellschafter- und Familienkonflikte
Webseite: www.unternehmensnachfolge-in-familienunternehmen.de

 

[1] Im Zeitraum 2014-2018 in Deutschland erwartete Anzahl übergabereifer Unternehmen nach systematischer Schätzung der in Intervallen von fünf Jahren vom Institut für Mittelstandsforschung Bonn (IfM) durchgeführten Berechnungen sowie einer ergänzenden Metaanalyse auf der Basis von weiteren 17 relevanten Studien.

[2] Die Begriffe „übergabereif“ und „übernahmereif“ umschreiben den gleichen Sachverhalt. Sie unterscheiden sich lediglich in der Perspektive des Übergebers (Vorgänger) bzw. des Übernehmers (Nachfolger oder Käufer) und aufgrund der Rechtsform des Unternehmens: Einzelunternehmen und Personengesellschaften (oHG, KG) können vom Eigentümer übergeben werden, Anteile an Kapitalgesellschaften (GmbH, AG) können übernommen werden.

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