Ursachen, die einen Generationswechsel in Familienunternehmen notwendig machen

Im Unternehmensregister des deutschen Statistischen Bundesamtes waren im Jahr 2012, dem Jahr der tiefsten Stimmung deutscher Unternehmer nach der Bankenkrise, mehr als 3.663.000 Unternehmen eingetragen. Seitdem sind viele Neugründungen (Start-ups) hinzu gekommen, aber auch viele Unternehmen durch Verkauf und Integration in die Unternehmen der Käufer, durch Fusion mit anderen Firmen, durch Insolvenzen und andere Gründe ausgeschieden. Insbesondere Handwerksbetrieb wurde aus Mangel an Nachfolgern oder Käufern aufgegeben. Für die nachfolgenden Betrachtungen genügt es jedoch, eine Vorstellung zu haben,

- wie viele Unternehmen es in Deutschland überhaupt gibt,
- wie viele von diesen Betrieben Familienunternehmen sind,
- welche wirtschaftliche Bedeutung diese aufgrund ihrer Größe tatsächlich haben,
- wie viele davon jährlich durchschnittlich reif zur Regelung der Nachfolge werden
- und welches die Ursachen sind, die einen Generationswechsel notwendig machen.

Generationswechsel, also die Nachfolge in Unternehmensführung und Eigentum kann es nur in Familienunternehmen geben, nicht in börsennotierten Konzernen, die von angestellten Vorständen geführt, von Aufsichtsräten kontrolliert werden und deren Eigentümer anonyme Aktionäre oder Institutionen wie Fonds oder Versicherungen sind.

Als Familienunternehmen gelten solche, die mindestens zwei Kriterien erfüllen: Einerseits, dass sie durch ihre Gründer oder deren Nachkommen, also durch Eigentümer selbst geführt oder zumindest noch maßgeblich von den Unternehmerfamilien kontrolliert werden, wenn sie inzwischen familienfremden Geschäftsführern oder Vorständen zur Führung anvertraut wurden. Andererseits, dass ihr Kapital mehrheitlich noch im Eigentum der Familien ist, unabhängig von der Gesellschaftsform als Einzelfirma, KG, GmbH & Co. KG, GmbH oder AG. Familienunternehmen sind also dadurch gekennzeichnet, dass deren unternehmerische Führung und Besitz in der Hand einer Person, einer oder mehreren Unternehmerfamilie liegt. Nach dieser Definition schätzt das Institut für Mittelstandsforschung[1] in Bonn, dass von den mehr als 3,6 Mio. registrierten Unternehmen mehr als 95%[2] Familienunternehmen sind. Der Anteil kann nur geschätzt werden, weil die qualitativen Merkmale „Unternehmensführung“ und „Unternehmenseigentum“ statistisch nicht quantifiziert werden können.

Die Unternehmensgröße ist nicht entscheidend für die Definition als Familienunternehmen, aber deren Anzahl der Mitarbeiter und deren Jahresumsatzes sagen etwas über deren Bedeutung für den Wirtschaftsstandort Deutschland aus. In dieser Hinsicht bestehen oft falsche Vorstellungen, denn 2012 waren 89,5% aller mehr als 3,6 Mio. deutschen Unternehmen sogenannte Kleinstunternehmen. Nur 8,1% (etwa 280.000) waren kleine Unternehmen mit weniger als 50 Mitarbeitern, 1,9% (etwa 65.000) waren mittlere mit weniger als 250 Mitarbeitern und lediglich 0,5 % (etwa 15.000) waren große Unternehmen.

Die Unternehmensgröße, gemessen an der Anzahl der Mitarbeiter und dem Jahresumsatz, ist zwar nicht entscheidend für die Definition als Familienunternehmen, aber für deren Bedeutung für den Wirtschaftsstandort Deutschland. In dieser Hinsicht bestehen oft falsche Vorstellungen, denn 2012 waren die meisten Familienunternehmen Kleinstunternehmen (89,5% = mehr als 3,1 Millionen), 8,1 % (etwa 280.000) waren kleine, 1,9% (etwa 65.000) mittlere und lediglich 0,5 % (etwa 15.000) große Unternehmen.

Es ist falsch, wenn immer wieder behauptet wird, die KMU[3] , also nach Definition der Europäischen Kommission sowohl Kleinst-, als auch Klein- und Mittlere Unternehmen, zusammen also 99,5% aller deutschen Unternehmen seien der Mittelstand. Nur 8,1% kleine + 1,9% mittlere = 10% aller deutschen Unternehmen bilden den unternehmerischen Mittelstand. Kleinstunternehmen können schon deshalb nicht zum Mittelstand gehören, weil rund die Hälfte von ihnen keine und von den übrigen die meisten nur wenige Mitarbeiter haben. Die EU-Definition der Kleinstunternehmen mit „weniger als 10 Mitarbeiter“ und „weniger als 2 Mio. € Jahresumsatz“ skizziert eine Obergrenze der Kleinstunternehmen, der nur wenige entsprechen.

Vom Institut für Mittelstandsforschung wird seit 1995 alle fünf Jahre geschätzt, wie viele Unternehmen in den nächsten fünf Jahren vermutlich vor einem Generationswechsel stehen. Für den Zeitraum von 2010-2014 waren das rund 110.000 Familienunternehmen. Für die Zeit 2014-2018[4] wird geschätzt, dass vermutlich 22 % mehr, also etwa 135.000 Betriebe ihre Nachfolge regeln müssen. Das sind durchschnittlich 27.000 jährlich. Doch während die Zahl der notwendigen Nachfolgen stetig steigt, sinkt die Zahl der zur Nachfolge bereiten Nachkommen. Das ist einer der Gründe für zunehmend mehr Unternehmensverkäufe. Ein anderer ist. dass das Bundesverfassungsgericht das Erbschaftssteuergesetz[5] gekippt hat, weil die Verschonung der Firmenerben dem Gleichheitsgrundsatz des Grundgesetzes widerspricht.

Die Ursachen der Notwendigkeit des Generationswechsels sind in durchschnittlich 86% der Fälle das zunehmende Alter der Familienunternehmer, in weiteren 10% der Fälle dessen (oft überraschender) Tod und in 4% der Fälle dessen fortdauernde Arbeitsunfähigkeit, z.B. durch Unfall oder wegen chronischer Erkrankung.

Über den Autor

Dr. Herbert Wettig - NachfolgeberaterDr. Herbert Wettig
Nachfolgeberater für Familienunternehmen,
Wirtschaftspsychologe und Wirtschaftsmediator für Gesellschafter- und Familienkonflikte
Webseite: www.unternehmensnachfolge-in-familienunternehmen.de

 


[1] Haunschild, L.; Wolter, H.-J. (2010): Volkswirtschaftliche Bedeutung von Familien- und Frauenunternehmen, in: Institut für Mittelstandsforschung Bonn (Hrsg.): IfM-Materialien Nr. 199, Bonn.

[2] Schätzung des Instituts für Mittelstandsforschung in Bonn (IfM): Anteil der Familienunternehmen = 96,6% aller deutschen Unternehmen, also nicht nur der Familienunternehmen.

[3] Gemäß Begriffsbestimmung im EU-Recht steht „KMU“ für den Wortlaut „Kleine und Mittlere Unternehmen“, beinhaltet laut Drucksache Nr. 2003/361 der Europäischen Kommission jedoch sowohl kleinste, als auch kleine und mittlere Betriebe.

[4] Kay, R.; Suprinovič, O. (2013): Unternehmensnachfolgen in Deutschland 2014 bis 2018, in: Institut für Mittelstandsforschung Bonn (Hrsg.): Daten und Fakten Nr. 11, Bonn.

[5] Das Bundesverfassungsgerichts urteilte am 17.12.2014, dass die Verschonung der betrieblichen Vermögen vor Schenkungs- und Erbschaftssteuer dem Artikel 3 der Grundgesetzes (Gleichheitsgrundsatz) widerspricht und dass das Gesetz (ErbStG) bis zum 30.6.2016 novelliert werden müsse. Das löste einen zusätzlichen Boom an Firmenübertragungen und Verkäufen aus.

Kommentare powered by CComment